Rebecca Forner


wurde 1970 in Baden-Württemberg geboren. Die politisch engagierte Grafikerin arbeitete
in linken und antifaschistischen Initiativen
und studierte Kommunikationsdesign an der
Kunsthochschule Berlin-Weißensee.
Von 2000 bis 2004 arbeitete sie an der
Ausstellung »Opfer rechter Gewalt«.
Sie lebt in Bilbao.

»Wenn ich nicht eingreife,
werde ich zur Mittäterin«

Ein Gespräch mit Rebecca Forner

 

Wie kamen Sie darauf, eine Ausstellung über Opfer rechter
Gewalt zu machen?

Die Idee entstand im Herbst 2000 während meines Studiums
an der Kunsthochschule Weißensee. In einem Kurs von Pro-
fessor Alex Jordan haben wir uns mit den Möglichkeiten
engagierter Grafik gegen Rechtsextremismus auseinander-
gesetzt. Die Chronik der Opfer, die in der »Frankfurter
Rundschau« zu dieser Zeit publiziert wurde, brachte mich auf
die Idee, die Opfer visuell zu dokumentieren. Ich wollte ohne
viele Worte die Realität zeigen, an der sich der Kampf gegen
Rechts messen muss.

Wie haben Sie die Informationen über die Opfer
recherchiert?

Die Grundlage war die Chronik von »Frankfurter Rundschau«
und »Tagesspiegel«. Zusätzlich habe ich im Antifaschistischen
Pressearchiv Berlin Zeitungsartikel aus den letzten zehn Jahren
durchgesehen. Im Internet und in linken Publikationen habe ich
weitere Listen gefunden. Diese Quellen habe ich verglichen und
nach und nach zusammengefügt.

Wie haben Sie die Fotos der Opfer zusammengetragen?

Die meisten Bilder habe ich in Boulevardzeitungen gefunden.
Was ich nicht gemacht habe, ist, mit den Familien der Toten
Kontakt aufzunehmen. Ich wollte nicht einfach anrufen und um
ein Bild bitten. Zudem war mir von Anfang an klar, dass ich nicht
alle Bilder finden werde und es demnach darum gehen musste,
für diese Leerstellen einen Ausdruck zu finden.

Wo Ihnen Bilder fehlten, haben Sie graue Rasterflächen
verwendet ...

Ja, ich wollte eine visuelle Form finden, die das Fehlen der Bilder
ausdrückt, auch als Reaktion auf Erfahrungen, die ich gemacht
habe. Unter anderem habe ich bei dpa eine Anfrage nach Fotos
von 115 Personen gestellt. Sie schrieben mir zurück, dass sie
nur von zwei Leuten Bilder haben, weil die meisten Fotos so
genannte Durchlaufbilder sind, das heißt sie werden nicht archiviert.

Warum haben Sie zwischen die Bilder von Opfern Spiegel
und Ansichtskarten montiert?

Es ist mir wichtig, dass diese Morde nicht losgelöst von der gesellschaftlichen Situation gesehen werden. Wir alle sind involviert, ob wir wollen oder nicht. Ich habe die Postkarten beliebig ausgewählt, weil die Morde überall stattfinden, nicht
nur im Osten, auch in Baden-Württemberg.

Es geht Ihnen also nicht alleine darum, den Opfern ein Gesicht zu geben, Sie wollen auch die Verhältnisse hinterfragen, in denen sie zu Opfern wurden?

Es ging mir durchaus darum, den Opfern Anerkennung zu
verschaffen. Aber ich finde das Gedenken auch problematisch.
Ich weiß nicht, ob und über was die Leute nachdenken, wenn
sie sich diese Toten ansehen. Ich finde es legitim, Fragen zu
stellen, die unangenehm sind, auch mir sind sie unangenehm.

Was meinen Sie damit?

Ich bin ganz klar davon überzeugt, dass ich helfen muss,
wenn jemand angegriffen wird. Ich weiß aber auch, dass
ich in einer solchen Situation Angst haben werde. Wenn ich
eingreife, laufe ich selbst Gefahr, angegriffen zu werden.
Wenn ich aber nicht eingreife, mache ich mich zur Mittäterin.
In diesem Widerspruch bewege ich mich und ich will, dass
auch die Besucher darüber nachdenken.


Das Interview wurde am 20. Juni 2004 in Berlin geführt.
Die vollständige Fassung des Gesprächs mit
Rebecca Forner:
>> interview.pdf